Europa wächst zusammen, aber es dauert

Telematik setzt man dann gerne ein, wenn es darum geht mit Bewegung irgendwas zu erfassen, zu initieren, kurz zu automatisieren. Man kann auch ein Ereignis in elektro-mechanische Bewegung umzusetzen, z.B einen Schranken hochsausen lassen.

Mobile Computing, da ist es doch irgendwie so, dass unabhängig vom Ort des Ereignisses, hochelegante Prozesse angestossen werden, die in nahezu Lichtgeschwindigkeit irgendwo nützliche Information erzeugen. Wir haben alle schon Devices (wie heißt denn das eigentlich auf Deutsch?), um damit auch zeitversetzt zu kommunizieren und um uns so zu entlasten.

Gleichzeitig, und da sind wir gleichzeitig Spieler und Spielball, arbeiten wir 7/24 (mit dem Handy am Nachtkasterl). Sie kennen ja die Frage, hast du eigentlich mein mail von heute morgen schon gelesen? Die Frage ist ja neuerdings berechtigt, wir müssem Emails nicht mehr aktiv downloaden. Nein, diese stoßen eher uns an, mit nervendem Piepsen. Und das sollte uns helfen Europa, zusammenwachsen zu lassen. Wir arbeiten heute an der Enns und morgen an der Moldau oder Seine. Das ermöglicht schöne Begegnungen mit netten Menschen.

Meine erste Begegnung mit Paolo war im Piemont, ich leitete gerade ein globales Mergerprojekt. Paolo, Senior IT-Mann, war, wie ich später lernen durfte, ein begnadeter Schwammerlsucher. Neben dem Schwammerlsuchen hatte er über 20 Jahre eigenhändig das gesamte Auftragswesen des Unternehmens in PL/1 erschaffen. Durch den Merger war dieses wichtige Programm ganz alleine auf einem Riesenhost, samt seinen Kosten verblieben. Wie so oft, wenn eine Firma abgestossen wird. Der alte Besitzer investiert nichts mehr und der neue Eigentümer kauft sich günstigst in die hohen Folgekosten ein. Für die Erstanalyse in dieser Post-Due-Dilligence hatte ich einen exquisiten Fragenkatalog zusammengestellt. Ich stellte sorgfältig formulierte englische Anfragen. Rene, mein Kollege aus dem Zentralmassiv, übersetzte. Natürlich ins Französische. Paolo, runzelte die Stirn, dachte nach, ein französisch-italienisches Wortgefecht ergoss sich zwischen den beiden. Am Schluss rang Paolo nach Worten, Formulierungen entstanden, fast schon sichtbar zwischen seinen gestikulierenden Händen. Dann die Erlösung, er strahlte mich an und sagte im besten Englisch: „Si, Thomas, understood, please. It is very complex“.

Ich strahlte zurück und lief zu meinem Auto. Nebel in Milano, Abendverkehr in der Tangenziale, rasch zum Flieger. Ein Red-Eyed-Bird. 6:50 Abflug, Rückkehr um 23:00 (so der Nebel und die Flug-Lotsen wollen). Drinnen Geschäftsleute aus der Mode- oder Möbelindustrie. Sehr gut angezogen, etwas zerknittert und alle mit diesen roten 7 mal 24 h Augen. Ich nuckelte an meinem schüttelnden Martini und ahnte nicht, dass das alles noch ein telematisches Nachspiel haben sollte.

Zwei Jahre später erhielt ich von einem Inkassobüro der Mautgesellschaft ein geharnischte Zahlungsaufforderung über 5 € und 7,23 € Bearbeitungsgebühr. Anbei ein Username und Passwort, anhand dessen ich Näheres erfahren sollte. Neugierig, worum es ging, Milano war schon ganz aus dem Sinn, ging ich online. Die Übertragung des Amtsitalienisch in Amtsdeutsch war sehr bemüht, aber etwas blumig. Ich folgte dem Link“ Ihre Situation“ und landete bei „Klage, 1.Stufe“. Der Link „Grund“ ergab ein kryptisches “ Benutzer der Autobahn haben sich angemessen zu benehmen“. Nach langen Herumirren schien es klar, ich hatte es irgendwie geschafft die Maut zu prellen und das Mietauto mit der Mautschuld von 5€ zurückzugeben. Recherche war angesagt. Eine freundliche Dame von den gelben Engeln meinte, es wäre besser gleich zu zahlen. Das versuchte ich. Natürlich Online. Ich bin schließlich aus der Branche und zahle daher meine Strafen auch mit dem passenden Medium. Ein Fenster popte auf und orakelte auf Italienisch. Ich gab auf und bekam alsbald ein mail: „Ihre Transaktion hat einen schlechten Ausgang genommen“. Ich sah mein Konto schon abgeräumt und mich im Schuldturm. Aufgeregt rief ich meinen Kreditkartenprovider an. Auch hier ein freundliche Dame: „Die Zahlung war als Onlinespende an eine Karitative Organisation über einem Bankomaten deklariert. Diese Art von Transaktion wurde gesperrt, da es zu vielen Missverständnissen kommt“. Grenzüberschreitend Spenden an eine karitative Mautgesellschaft geht also nicht. Auch zwei Jahre später und wenn man wirklich, wirklich möchte.

Dabei wurde Mobile Computing doch erfunden, damit Zeitpunkte und Orte von Transaktion und Verbuchung auseinanderfallen können. Es wäre doch alles so einfach: Sündigen und Sündenlöschen per Lichtschranke und Mausklick. Oder hatte ich da etwas missverstanden?

Vielleicht steckt hinter dem Projekt Europa in Wirklichkeit die Software Industrie. Mich wundert schon lange nichts mehr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.